Assel, ein Straßenzeitungsverkäufer

Es ist Montag, später Nachmittag. Wir sind im Café des "Straßenfegers" und versuchen einen Straßenzeitungsverkäufer für ein Interview zu gewinnen. Zunächst verunsichert durch die Ablehnung einiger Besucher des Cafés, erklärte sich Assel, 20 Jahre jung, bereit für 'n Kaffee eine halbe Stunde mit uns zu reden. Im folgenden Text wird das Gespräch gekürzt und zusammengefasst wiedergegeben.

Mit dem Verkauf des Straßenfegers verdient sich Assel einen Teil seines Lebensunterhalts.
Mit dem Verkauf des Straßenfegers verdient sich Assel einen Teil seines Lebensunterhalts.

Du verkaufst die Straßenzeitung "Straßenfeger"?

Ja, gelegentlich. Ich will nicht, dass die Leute denken, dass ich nichts für mein Geld tue und mich nur durchschnorre. So können die wenigstens nicht sagen, dass ich arbeiten gehen soll, weil das ja zu vergleichen ist mit nem Bildzeitungsverkäufer. Dem sagt ja auch keiner "geh arbeiten". Aber häufig bekomme ich auch mehr Geld, wenn ich keine Zeitung verkaufe und einfach nur so dastehe.

Glaubst du, dass man ein Verkaufstalent braucht?

Nee, das nicht unbedingt. Aber man muss irgendwie Mitleid erregen. Und mir sagen immer viele, dass ich gar nicht so aussehe, als hätte ich es nötig. Es macht halt einen besseren Eindruck, wenn man eine Zeitung verkauft. Und davon kann ich dann wieder profitieren.

Ist dir der Eindruck, den du machst, das Wichtigste am Verkaufen?

Ich geh eigentlich auch gerne arbeiten. Hab ich auch schon mal gemacht für drei Jahre. So richtige Schwerstarbeit in einem Dorf. Da hab ich mir gedacht, dass ich mal hier raus muss. Das war gut, weil man da was zu tun hatte. Und man hat sich auf den Feierabend und das Wochenende gefreut. Morgens musste man aufstehen und hat sich auf die Arbeit gefreut. Insgesamt gibt es, wenn man arbeitet, viel mehr, auf das man sich freuen kann. Sonst hängt man nur 'rum, es passiert nichts und man hat nichts zu tun.

Kannst du uns beschreiben, wie dein Alltag jetzt aussieht?

Das ist nichts Besonderes. Morgens stehe ich auf trinke n Bier und kiffe erstmal. Dann gehe ich zwei oder drei Stunden mit meinem Hund spazieren. Wenn ich wieder zu Hause bin kiffe ich wieder. Manchmal hole ich mir ein paar Straßenzeitungen, manchmal aber auch nicht. Dann gehe ich schnorren, mach meine Einkäufe und sitz stumpfsinnig vorm Fernseher 'rum, wie es jeder macht. Manchmal geh ich feiern oder häng mit meinen Kumpels rum. Man kifft und säuft, geht mit dem Hund raus und kifft und säuft. So ist der ganze Tagesablauf.

Seit wann lebst du auf der Straße?

Ich wohne immer bei Kumpels oder so. Das ist seitdem ich 12 bin. Da hatte ich keinen Bock mehr auf zu Hause. Eigentlich hab ich 'ne gute Familie. Daran liegt's nicht. Hab halt viele Drogen genommen und so. Hab auch keinen Schulabschluss. Bin nach der achten Klasse abgegangen. War sogar mal auf dem Gymnasium.

Möchtest du im Moment etwas an deiner Situation ändern?

Ich könnte jederzeit mit 'ner Ausbildung als Koch anfangen. Das liegt nur an mir selber. Deutschland ist n Land, in dem man alles bekommen kann, wenn man nur will. Ich bin halt ziemlich faul und außerdem habe ich mir gesagt, dass ich, bis ich 22 bin, noch so weiter machen kann. Und hier in Berlin kommt man immer irgendwie über die Runden. Ich bekomme ja auch keine Sozialhilfe oder so. Aber ich lebe ganz gut so wie es ist. Es kommt halt darauf an, was man unter gut leben so versteht. Der Spießer mit seinem Sonntagsschnitzel im Kühlschrank und der schönen Ledercouch, der sieht das bestimmt anders. Mir reicht es so wie es ist. Von der Reihenfolge kommt zuerst mein Hund, weil der sich das nicht ausgesucht hat, dann kommt Gras, dann kommt Bier. Wie gesagt, ich könnte das jederzeit ändern. Aber man will ja mal gefeiert haben. Ich hab bestimmt schon viel mehr erlebt, als die meisten, die immer nur gearbeitet haben und so. Ich hab auf jeden Fall nichts verpasst. Man lebt ja nicht, um zu arbeiten. Aber so wie die anderen hier, die mit 50 immer noch auf der Straße rumhängen, das sind für mich die absoluten Looser. Bin aber auch nicht so'n typischer Fall von nem Straßenzeitungsverkäufer. Die, die älter sind, die kommen da nicht mehr so leicht raus. Die Drogen sind halt das Problem. Nicht so das Kiffen, vielmehr der Alkohol. Das ist ja auch irgendwie ne Art Selbstzerstörung. Auf Dauer zumindest.

Würdest du dich selber als arm bezeichnen?

Kommt drauf an wie man das sieht. Finanziell schon. Aber ich glaube, dass es Leute gibt, die zwar 3000 Euro verdienen, die aber vom Kopf her viel ärmer sind. Die haben ja nur die Arbeit im Kopf. Weiß nicht was die für nen Sinn im Leben haben. Wen stört es denn, wenn es n paar Leute gibt, die nicht arbeiten gehen. Es gibt ganz andere Leute, die einem das Geld aus der Tasche ziehen. Die Typen, die 50 000 Euro im Monat verdienen, davon redet keiner. Aber die Menschen haben immer was, worüber sie sich beschweren können. Dabei gibt es gerade hier allen Grund dafür zufrieden zu sein. Besser als hier kann's einem gar nicht gehen. Man muss halt was machen für sein Leben. Eigentlich geht's jedem gut. Hier muss keiner hungern, keiner frieren und eigentlich auch keiner obdachlos sein. Es liegt an jedem selbst. Für die, die es nicht auf die Reihe kriegen, gibt's überall Hilfen. Sonst muss man sich halt so ein Buch besorgen, da steht alles über die Sozialhilfe drin, dann geht man zum Sozialamt, legt n Haufen Anträge auf den Tisch und geht mit vier bis fünftausend Euro wieder raus.

Wenn jetzt eine gute Fee zu dir kommen würde, was würdest du dir wünschen?

Also, ich könnte mir viel Geld wünschen, aber das liegt ja an mir selber. Das kann ich ja selbst ändern. Ich glaube, ich würde mir ein leeres Führungszeugnis wünschen.

Assel schaut auf die Uhr. Die halbe Stunde ist rum. Wir bedanken uns, für das Gespräch und verabschieden uns.

Jürgen Achatzi
Ute Leienbach
(Werkstatt "Armutszeugnisse", SoSe 03, WiSe 03/04)

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