Maritas Leben

Existenzangst und Risikoarmut einer alleinerziehenden Mutter. Zusammenfassung eines Interviews vom 20.12.03 mit Marita (Name ist geändert). Ein realistisches Beispiel für viele tausend allein erziehende Mütter in unserer Gesellschaft, im Kampf um eine gesicherte Existenz.

Der überwiegende Teil allein Erziehender sind Frauen.
Der überwiegende Teil allein Erziehender sind Frauen.

Der Traum von der kleinen Familie

Als sie 1989 ihren vermeintlichen Traummann heiratete, hatte sie große Erwartungen und Träume. Endlich raus aus dem Elternhaus, unabhängig und frei sein, Geborgenheit und Liebe spüren, eine kleine Familie gründen, gemeinsame Reisen unternehmen.

Zwei Kinder kamen zur Welt, eine Tochter, geboren 1991, und die zweite wurde 1992 geboren. Marita war gerade 23 Jahre alt, das erhoffte Glück blieb aus, die Probleme begannen und wurden immer größer: Geldsorgen, unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche, die Reisen blieben aus, der Traummann entpuppte sich als arbeitsscheu und schob immer neue Krankheiten als Grund vor, um nicht arbeiten zu müssen. Die Ehe begann zu kriseln. Um ihrer Familie ein Dasein zu sichern, entschloss sich Marita während ihres Erziehungsurlaubes zusätzlich zum Erziehungsgeld eine Teilzeitbeschäftigung aufzunehmen. Von der Arbeitslosenhilfe ihres Mannes sah sie nicht viel, der investierte seinen Anteil lieber in "krumme Geschäfte". So war sie mit der Erziehung der beiden Kinder sowie dem Sicherstellen des Lebensunterhaltes für ihre Familie voll und ganz ausgelastet.

Als der Traum zerplatzte...

Noch im Jahr 1992 reichte sie die Scheidung ein, zog in eine kleine Wohnung, die abseits von jeglicher Infrastruktur lag, die sie sich aber dafür alleine leisten konnte. Ihre Kinder waren inzwischen gerade sechs Monate und 18 Monate alt und besuchten eine Kindertagesstätte. Ihre Arbeitszeit konnte sie von 16 auf 25 Stunden in der Woche erhöhen. Das Erziehungsgeld rettete sie. Ihre Arbeits-zeiten waren bis dahin sehr kinderfreundlich, von 8:30 Uhr – 13:30 Uhr, sodass sie bis zu diesem Zeitraum noch ausreichend Zeit für ihre beiden Töchter aufbringen konnte. Bis die Einzelhandelsfirma, bei der sie beschäftigt war, von einem größeren Unternehmen "geschluckt" wurde.

Vom Kampf, berufliche Tätigkeit und Kindererziehung miteinander zu vereinen

Mit jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter wurden neue Arbeitsverträge geschlossen. In einem Personalgespräch mit ihrem Chef machte Marita deutlich, dass sie wegen zwei allein zu versorgenden Kindern weiterhin nur halbtags arbeiten wolle. „Aber selbstverständlich können Sie halbtags arbeiten, Ihre Kernarbeitszeit wäre von 14:00-19:00 Uhr!“, dies war die Reaktion des neuen Chefs. Marita war klar, dass sie in dieser Firma nicht weiter arbeiten konnte. Sie hatte Glück und bekam 1995 im öffentlichen Dienst eine Anstellung in einem Büro. Bedingung für ihre Einstellung war allerdings, dass sie bereit war Vollzeit zu arbeiten. Das nahm sie für sich und ihre Kinder in Kauf, sie wusste aber, dass es hart werden würde: „Meine Kinder waren früh die ersten und abends fast die letzten in der Kita...“ Finanziell kam sie nun besser zurecht. Weil der Vater jedoch keinen Unterhalt für die gemeinsamen Kinder zahlte, beantragte Marita Unterhaltsvorschuss. Der Kontakt zum Vater schlief völlig ein.

"Nur krank werden darfst du nicht..."

Die durch ihre volle Berufstätigkeit fehlende Zeit für ihre Kinder löste ständig ein schlechtes Gewissen in ihr aus. "Kaum waren wir abends zu Hause, war es auch schon wieder Zeit, die Kinder ins Bett zu bringen, denn am nächsten Morgen musste ich sie schon wieder um 5:30 Uhr wecken." Marita fühlte sich oft einsam und ausgelaugt: "In dieser Zeit war ich echt froh über die Erfindung des Telefons, sonst hätte ich wahrscheinlich gar keine sozialen Kontakte gehabt, groß ausgehen konnte ich ja mit zwei kleinen Kindern nicht, ich fühlte mich ganz schön einsam!"

Auf die Frage, ob sie Unterstützung von FreundInnen oder der Familie erhalten habe, antwortete Marita, "...ich habe es eigentlich immer allein geschafft, denn Freunde oder Familie wohnten nicht in unmittelbarer Nähe, um zu helfen. Ja, es war eine harte Zeit, früh um 5:00 Uhr aufstehen, Kinder fertig machen, sie kurz nach 6:00 Uhr in der Kita abgeben, von ca. 7:30-16:00 Uhr arbeiten, nach fast einer Stunde Fahrtweg noch schnell einkaufen gehen, die Kinder gegen 17:30 Uhr aus der Kita holen, Abendbrot machen, Kinder ins Bett bringen, Haushalt erledigen. Ich habe 16 Stunden am Tag funktionieren müssen."

"Nur krank werden darfst du nicht, dann merkst du erst mal, dass mit dir alles steht oder fällt." Als Marita eines Tages mit Lungenentzündung und Fieber im Bett lag und sich um ihre Kinder kaum selbst kümmern konnte, bekam sie große Unterstützung von der Kita, in der ihre beiden Töchter untergebracht waren. Von dort wurde sie mit Essen versorgt: "Ich konnte weder einkaufen noch kochen...", andere Eltern organisierten das Bringen bzw. das Abholen der Kinder: "Zum Glück gab es eine große Solidaritätunter den Eltern..." Ihre Verzweiflung war zu spüren: "Was hätte ich sonst machten sollen?"

„Wenn du von jemanden abhängig bist...“

Die einsame Zeit sollte 1997 zu Ende sein, Marita lernte einen neuen Partner kennen und zog kurze Zeit später mit ihm zusammen in eine größere Wohnung. "Ich war froh, nicht mehr allein zu sein und fühlte mich im ersten Moment sehr entlastet."“ Es war ihr sehr wichtig, dass der neue Partner liebevoll mit den Kindern umgeht. Finanziell ging es ihr und den Kindern ebenso besser, sie musste nicht mehr jeden Pfennig umdrehen, denn bisher lebte sie "von der Hand in den Mund". Die monatlichen Belastungen konnte sie sich ja nun teilen. Doch bald terrorisierte ihr Freund sie und die Kinder und es kam immer öfter zum Streit. „Er erzog mit völlig blödsinnigen Erziehungsmaßnahmen an den Kindern herum, die mussten spuren wie kleine Soldaten. Des Friedens willen habe ich manchmal die Kinder leise gebeten, das jetzt so zu machen, wie er es verlangt, doch mir taten meine Kinder so Leid!“

Andere Beziehungsprobleme folgten. Sie dachte an Trennung, hatte aber Angst vor diesem Schritt. Schließlich konnte sie inzwischen wieder ihre Arbeitszeit von 40 auf 29 Stunden in der Woche reduzieren und hatte ausreichend Zeit für ihre Kinder. Sie wusste genau, wenn sie sich trennen würde, ginge es ihr auch finanziell wieder schlechter: „Wenn du von jemanden abhängig bist, lässt du dir ´ne Menge bieten...“ Sie hielt durch, bis es immer öfter zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam und sie sich 2001 wieder eine eigene Wohnung suchte. Die große gemeinsame Wohnung hätte sie sich allein nicht leisten können, außerdem wollte sie keinen Stress und überließ sie ihrem Ex-Partner.

"Mama, sind wir jetzt arm?"

„Es kam alles auf einmal, ich habe mich schon in der Gosse gesehen. Als erstes verkaufte ich mein kleines Auto, denn das konnte ich mir nun nicht mehr leisten...“ Die 72 Monate waren zum Ende des Jahres 2001 um und Marita hatte ab Januar 2002 keinen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss mehr, somit fielen 600,- DM weg. Ihre Miete war sehr teuer, sie war jedoch froh, so schnell eine Wohnung in Schulnähe gefunden zu haben. Mit dem Jahr 2002 kam der Euro als Zahlungsmittel: „Ich hatte das Gefühl, die Preise sind 1:1 umgerechnet worden,... auch das machte sich in meiner Haushaltskasse bemerkbar.“

Ihr Gehalt, mit Kindergeld, belief sich in dieser Zeit auf etwa 1.800 DM und deckte gerade so die Fixkosten wie Miete, Versicherung, Strom, Gas, Telefon oder bis dahin noch Hortkosten ab. „Wenn die Kinder oder ich was zum Anziehen brauchten, rannte ich immer erst in Secondhand Geschäfte...“

Ihre Arbeitszeit erhöhte sie auf 36 Stunden in der Woche, was wieder dazu führte, dass sie morgens, bevor die Kinder zur Schule mussten, schon auf der Arbeit war und mittags, wenn die Kinder nach Hause kamen, sie noch arbeiten musste. Im Schulhort wurden die Kinder nicht mehr betreut, weil sie nun schon 9 1/2 und 11 Jahre alt waren. „Meinen Kindern musste ich viel abverlangen, sie früh zur Selbstständigkeit erziehen, schließlich mussten sie früh ganz allein aufstehen und sich Frühstück machen und wenn sie nach Hause kamen, allein Hausaufgaben anfertigen.“

Ihre Kinder hielt sie stets zur Sparsamkeit an, Extrawünsche konnte sie selten erfüllen, beim Einkaufen fragten ihre Töchter immer erst: „Mama, können wir uns das leisten?" "Das war mir manchmal so peinlich, ich hatte das Gefühl, im Geschäft gucken jetzt alle auf mich....“

„Als ich einmal geantwortet habe, nein wir haben für diesen Monat kein Geld mehr, fragte mich meine Tochter einmal tränenüberströmt: 'Mama, sind wir jetzt arm, haben wir wirklich kein Geld mehr für Essen?'“

Für Marita kam zum Einkaufen nur Aldi in Frage, auf teure Spezialitäten habe sie immer verzichtet, ebenso auf kulturelle Höhepunkte! „Manchmal ist meine Mutter mit den Kindern ins Theater oder ins Kino gegangen, oder ich habe mich um Freikarten bemüht....“

Als einmal der Fotograf in die Schule kam, hatte eine Tochter die Idee, gleich ein gemeinsames Foto mit beiden Schwestern zu machen, statt zwei einzelne Fotos, das sei schließlich preiswerter.

„Zur Klassenfahrt nach Spanien konnten meine Kinder nicht mitfahren, das hätte pro Kind 295,- Euro gekostet, wo sollte ich denn das Geld hernehmen?“

Urlaub mit ihren Kindern konnte sich Marita einmal leisten, als sie noch Unterhaltsvorschuss bekommen hatte. Die Pauschalreise nach Spanien habe sie sich gut zwei Jahre lang "vom Munde abgespart".

Schulden zu machen wäre für Marita nie in Frage gekommen. Anspruch auf zusätzliche staatliche Unterstützung habe sie nicht gehabt, da läge sie mit ihrem Einkommen minimal darüber. Trotzdem war sie immer stolz darauf, es in dieser Zeit allein, ohne fremde Hilfe geschafft zu haben, für sich und ihre Kinder sorgen zu können und von keinem Mann abhängig gewesen zu sein. Sie wollte nie anderen etwas vorjammern, ihre Devise lautete immer: „Ich schaffe das schon irgendwie!“

Ein neuer Anfang...

Zu Beginn des Jahres 2003 lernte Marita ihren neuen Freund kennen, er selbst hat keine eigenen Kinder und freut sich auf seine kleine dazu gewonnene Familie. Ende vergangenen Jahres sind die Vier zusammengezogen. Nun fühle sie sich emotional und auch finanziell wieder sicherer und ruhiger und erfahre Hilfe und Unterstützung im Alltag. Die Existenzangst sei nun völlig weg. Marita ist sich sicher, nun ihren Traumpartner gefunden zu haben und blickt zuversichtlich in die Zukunft. Aber die Zeit der extremen Sparsamkeit hat Spuren hinterlassen: „Mein Freund fragte mich letztens, ob ich auch normal einkaufen könne, ohne ständig Preise zu vergleichen oder zu gucken, ob es eine bestimmte Sache nicht im Angebot gibt, er finde das schon krankhaft, aber ich kannte das eben nicht anders!“

Sie haben noch viel vor: gemeinsam in den Urlaub fahren, vielleicht mal ein eigenes Haus kaufen. „Einfach eine ganz normale glückliche Familie sein!“

Auf die Frage, ob sie sich als arm empfunden habe, antwortet sie: „Wenn ich so zurück blicke, war ich ganz schön arm dran, aber im Vergleich zu manch’ anderen, ging es uns, glaube ich, noch ganz gut...!“

Diana Stolze
(Werkstatt "Armutszeugnisse", SoSe 03, WiSe 03/04)

 

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