Interview mit einem von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen

Ort des Gespräches ist der Travepark in Friedrichshain. Die Begegnung erfolgte am frühen Nachmittag des 15.11.2003. Wir treffen uns zum zweiten Mal. Ein Erstkontakt kam in einem Spätverkauf zu Stande. Hierbei streifte der Interviewpartner, Herr M., sehr kurz seine Wohnungsprobleme und erwähnte auch ein Schreiben seines Vermieters, das auf einen Zahlungsverzug hinsichtlich seiner Miete Bezug nahm. Herr M. bezieht nach eigenen Angaben Rente und scheint mit seinem Finanzhaushalt Probleme zu haben. Er ist 67 Jahre alt. Der weitere Lebenshintergrund von Herrn M. ist mir unbekannt.

Das Interview begann mit einer offenen Frage. Der Interviewpartner Herr M. äußerte sich zu Problemen in seinem Wohnumfeld und schilderte dabei zunächst seine Sichtweise zum Mietkonflikt. Da das Interview mehr oder weniger spontan entstand, konnte der eigentliche Interessenschwerpunkt - drohende Wohnungslosigkeit - erst im Laufe des Gespräches eingeflochten werden. Durch ein konstantes Nachfragen sollte das Gespräch möglichst informationsorientiert verlaufen. Das Interview beendete der Interviewpartner selbst, so dass eine Schlussfrage nicht relevant erschien.

Guten Tag Herr M., wie geht's? Was haben Sie heute so gemacht? Ist etwas geschehen?

Diese Welt ist im Grunde genommen schlecht und ungerecht!

Warum sind Sie so erbost, was ist denn geschehen?

Du kennst mich ja, wir trafen uns letzte Woche bereits einmal. Ich denke, wir haben Freundschaft miteinander geschlossen und das verpflichtet zu unbedingter Aufrichtigkeit.

Nun, was ist der Grund für Ihre Erregung? Sie wirkten letztens so entspannt und gelöst, was für eine Laus ist Ihnen denn heute über die Leber gelaufen?

Lange Rede, kurzer Sinn: Heute Morgen wurde mir plötzlich der Tag zur Hölle gemacht. Jemand trat mit voller Wucht gegen meine Tür. A. von nebenan stand davor. In rüdem Ton erklärte der mir, ich soll die Glotze leiser stellen. Als ich dann nicht reagierte und ihn stehen lassen wollte, steigerte er sich in Hasstiraden und schrie auf mich ein. Frau T. von unten kam dazu und forderte A. auf, mich in Frieden zu lassen. Ohne auf diese ganzen Wortgefechte einzugehen, machte ich die Tür zu und ließ diesen Schreihals draußen weiter toben.

Gab's vielleicht die Möglichkeit zu reden, da auch Ihre Nachbarin hinzu trat? Wenn mehrere zusammenstehen, könnte sich ein Konflikt möglicherweise entschärfen lassen.

Du lieber Gott, ich bin ein Sonntagskind und habe ein sonniges optimistisches Gemüt. Ich bin gern heiter und spaße gern. Soll ich mir von diesem Randalierer A. den Optimismus nehmen lassen, Ick doch nicht. Wohin das führt, weiß ich. Letztens führte dit zu Atemnot und Herzanfall.

Wie soll's weitergehen, bedroht A. Sie weiterhin?

Nee, das kommt nur mal so aus ihm raus und dann gibt er wieder Ruhe. Sollte er mich dennoch am Abend belästigen, geh' ich sofort zur Polizei. Trotzdem finde ich keine Ruhe und verlasse möglichst oft die Wohnung.

Wie lange geht das schon?

Total lange. Der sucht sich den kleinsten Anlass, um mit mir zu streiten. Eben ein alter Stasi, der noch nicht begriffen hat, dass sein Job schon seit über 10 Jahren passé ist und der's nicht lassen kann. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Schnüffler und Brüller sich so schnell selbst enttarnen. Ich bin von denen über 20 Jahre verfolgt worden. Ich habe gelernt, aus kleinsten Kleinigkeiten Zeichen zu lesen und auch zu deuten. Die sind im Grunde genommen immer noch da und können's sich nicht abgewöhnen (M. legt eine kurze Pause ein und räuspert sich). Ich denke, ich habe die Fähigkeit, eine gefährliche Lage zu erkennen und eisern ruhig zu bleiben. Dabei kommt man dann selbst nicht auf den Hund. Nur nicht provozieren lassen, sage ich mir immer, dann fällt man auch nicht in eine geschickt aufgebaute Falle.

Du lieber Himmel...

Weißt du, mein Lieber, A. ist gefährlich wie Markus Wolf, ja er ist noch weitaus gefährlicher als er. Denn Wolf kennt man und seine Methoden auch. Aber A., der fühlt sich immer noch als Kundschafter im geheimen Auftrag.

Wie läuft's sonst mit der Wohnung?

Ich hatte Termin mit dem Vermieter, ich wollte Zahlungsaufschub, weil mir zwei Mieten fehlen. Na ja, WBF [Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain, Anmerkung des Interviewers] geht. Mit denen kann man im Allgemeinen noch reden.

Das klingt gut, ich kenne auch andere Beispiele.

Nöö, ick denk' dit jeht schon. Ich reiß mich am Riemen und die haben mir gesagt, dass ich auch Raten zahlen kann.

Seit wann gibt's das Problem?

Mmh, noch nicht lange, der neue Fernseher und Video, du weißt schon. Ist doch Standard heute. Seit meine Frau nicht mehr ist, brauche ich das den ganzen Tag.

Haben Sie sonst noch Kontakte zu einigen Leuten hier?

(Nachdenklich ) Gelegentlich, gelegentlich... Ich komme ganz gut alleine klar, nur soll mich keiner stören, wie der A. Der junge Kerl soll erst mal was tun im Leben, lebt nur auf Staatsknete und belästigt alte Männer, so wie mich. Ob der wohl die harten Prüfungen des Lebens besteht? (nachdenklich) Weißt Du... tschüss, ich drehe noch mal meine Runde und dann geht's ab nach Hause.

Tschüss, ich wünsche Ihnen alles Gute, bis zum nächsten Mal.

(Das Interview wurde sofort nach dem Gespräch niedergeschrieben. Ich habe Herrn M. nur noch sporadisch gesehen. Ein länger währendes Gespräch ist bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wieder zu Stande gekommen.)

Rainer Sahm
(Werkstatt "Armutszeugnisse", SoSe 03, WiSe 03/04)

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