Prostituierte von der Kurfürstenstraße

Interview mit einer Prostituierten vom Straßenstrich Kurfürstenstraße

Wir trafen uns mit unserer Interviewpartnerin im Frauentreff Olga. Wir kannten die Frau vorher nicht, da die Leitung des Frauentreffs den Termin für uns arrangiert hatte. Der Frauentreff hat einen Cafébereich sowie Büroräume, ein Untersuchungszimmer und ein Zimmer, in dem ein Bett und ein Platz zum "Zurechtmachen" für die Frauen bereitstehen. In diesem Zimmer haben wir unser Interview geführt.

Unsere Interviewpartnerin kam pünktlich um 18.00 Uhr. Wir hatten die Gelegenheit, vor dem eigentlichen Interview locker mit ihr zu sprechen, während sie eine warme Mahlzeit zu sich nahm.

Wir erfuhren ihren Namen. Auch wir erzählten ihr einige persönliche Dinge wie Name, Alter usw. Wir einigen uns auf das "du".

Das Interview wird inhaltlich widergegeben und entspricht nicht dem genauen Wortlaut der interviewten Person.

Wir lassen sie erzählen

Ja, ich bin jetzt 33 Jahre alt. Ich habe damals noch im Osten eine Ausbildung zur Bürogehilfin gemacht und nach der Wende wurde ich arbeitslos, vorher hatte ich zehn Jahre lang einen Job. Dann habe ich Schwierigkeiten mit meinem Freund und meiner Familie bekommen und so habe ich angefangen zu trinken. Das hat sich auch immer mehr gesteigert, bis ich ein bis zwei Flaschen Wein am Tag getrunken habe. Da habe ich dann alles vernachlässigt, Bewag, Gasag, Miete usw. Mir war alles egal. Durch das Trinken tauchte ich in eine andere Welt ab. Irgendwann habe ich den Briefkasten gar nicht mehr aufgemacht, so kam es, dass ich wegen der hohen Mietschulden auf der Straße landete. Ich war zu feige zu Ämtern zu gehen. Um überleben zu können bin ich dann auf den Strich gekommen. Wenn du als Frau draußen schläfst, weil du auf der Straße lebst, bist du Freiwild.

Ich wusste, dass hier der Strich ist. Am Anfang habe ich erst mal nur geschaut und irgendwann habe ich dann ganz vorsichtig gefragt, ob ich mich auch hinstellen kann und wo. Ich wusste ja nicht, ob man Schwierigkeiten kriegt, wenn man sich einfach irgendwo hinstellt. Jetzt gehe ich seit drei Jahren auf den Strich. Die ersten Male sind hart gewesen. Mit einem fremden Mann ins Auto...

Aber vor drei Wochen hatte ich ein Gespräch hier mit der Sozialarbeiterin wegen dem Ausstieg. Ich wollte nicht mehr hauptsächlich auf den Strich. Die haben mich dann zur Caritas vermittelt und ich wohne jetzt in einem Frauenwohnheim und habe da eine eigene kleine Wohnung. Das gefällt mir sehr gut. Ich kriege jetzt auch endlich Sozialhilfe. Ich bin wirklich froh diesen Schritt gemacht zu haben. Jetzt ist der ganze Druck weg.

Wir fragen nach, wie sie überhaupt zu Olga gekommen ist:

Durch eine Kollegin, also eine andere Frau. Die hat mir gesagt ich soll doch mal mitkommen. Es hat mir hier auch gefallen und ich komme seit über zwei Jahren regelmäßig hierher.

Wir möchten wissen, wie ihr Tag so ausgesehen hat, bevor sie im Frauenwohnheim gewohnt hat:

Nach dem Aufstehen habe ich mich zurecht gemacht und bin dann von der Pension oder wo ich war zur Kurfürstenstraße. Immer zu unterschiedlichen Tageszeiten und man steht auch unterschiedlich lange, das kann zwischen vier und zwölf Stunden sein. Dann bin ich nach Hause, also wieder in die Pension. Erst mal duschen und dann bist du froh, einfach deine Ruhe zu haben.

Man hat eigentlich keinen geregelten Tagesablauf. Du entscheidest selbst, ob du Tag oder Nacht arbeitest. Ich habe auch unterschiedliche Tageszeiten ausprobiert. Dann merkt man schon, wann mehr Männer kommen. Sonntags z. B. läuft es tagsüber sehr schlecht, weil dann Familientag ist. Da müssen die Männer was mit ihren Familien machen. Man kann auf dem Strich relativ schnell Geld verdienen und sich selbst einteilen, wann man arbeitet.

Wir fragen, was sie sich für die Zukunft wünscht:

Eine eigene Wohnung. Und dass ich irgendwann vollständig vom Strich wegkomme. Und einen richtigen Job habe. Und vielleicht irgendwann einen anständigen Mann, aber das weiß ich noch nicht. Im Moment will ich keinen Mann. Ich habe ein ganz anderes Bild von Männern bekommen. Eigentlich empfinde ich nur Verachtung gegenüber Männern, obwohl ich weiß, dass bestimmt nicht alle so sind, aber erst mal ist da nur Verachtung auch gegenüber "normalen" Männern. Wie die über ihre Frauen reden und wie arrogant die sind.

Auf der Straße verdient man auch nicht die Summen, die sich die Leute vorstellen. Erst recht nicht, wenn man Prinzipien hat, dann ist es noch schwieriger Geld zu verdienen. Die Frauen, die Drogen nehmen, machen es auch ohne Kondom, weil sie das Geld dringend brauchen und das nutzen die Männer natürlich aus.

Wir wollen wissen, ob sie noch trinkt:

Ich trinke nicht mehr. Ich bin allein vom Alkohol weggekommen. Ich habe nach und nach immer weniger getrunken. Ich habe nur Wein und Bier getrunken, keine harten Sachen. Wenn man harte Sachen trinkt, ist es bestimmt schwieriger, davon weg zu kommen.

Wir möchten wissen, ob sie sich arm fühlt:

Die Frauen, die draußen stehen, brauchen das Geld aus den unterschiedlichsten Gründen, das macht keine aus Spaß. Ich fühle mich jetzt nicht mehr arm. Früher, bevor ich Sozialhilfe bekommen habe, war ich arm dran. Jetzt bin ich krankenversichert, bin wieder im sozialen Gefüge drin und habe ein Dach über dem Kopf. Im Moment bin ich glücklich.

Wir bedanken uns für das Gespräch, wünschen ihr alles Gute und gehen.

Wir verlassen sehr zufrieden den Frauentreff. Das Gespräch haben wir als sehr positiv empfunden. Die Zuversicht, Hoffnung und Kraft unserer Interviewpartnerin waren sehr beeindruckend für uns.

Janine Feldmann
Friederike Hartmann
(Werkstatt "Armutszeugnisse", SoSe 03, WiSe 03/04)
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