Mein persönliches Armutszeugnis

Es ist nicht einfach, sich mit seiner Armut vor Fremden so in der Öffentlichkeit zu offenbaren. Man nimmt seine Schüssel, seinen Löffel und taucht unter in der Masse der Bedürftigen. Es ist schön, dass es die Suppenküche in Pankow gibt. Jeder ist auf andere Art zu seiner Armut gekommen. Ja, früher habe ich das im Stillen belächelt, ich wohnte gerade gegenüber. Ich war noch gesund, hatte einen gut bezahlten Job, konnte mir ein Auto leisten, war sportlich sehr aktiv und habe meine regelmäßigen Kurzurlaube mit meiner Lebensabschnittsgefährtin genossen. Einfach fröhlich und gut gelebt. Neben einer Diabetes Typ 2 hatte ich gesundheitlich keine weiteren Einschränkungen.

Mit meinem Achillessehnenriss, der Thrombose in den Beinvenen, Herzrhythmusstörungen und einer Lungenembolie endete das Jahr 2000. Im Sommer 2001 hatte ich nach erfolgreichen Auseinandersetzungen mit meinem zuständigen Arbeitsamt sogar noch eine ABM-Stelle bekommen. Ich war zu diesem Zeitpunkt auch schon zu 50 % schwerbehindert. Alles wieder selber schwer erkämpft. Durch die Einnahme von Falithrom, hier in Deutschland als Makumar bekannt, hat sich mein Hormonhaushalt sehr stark verändert. Meine Testosteronwerte sanken und ich bekam einen Überschuss an weiblichen Hormonen. Dazu bekam ich Osteoporose, das meine Lendenwirbelsäule in Mitleidenschaft nahm. Depressionen, vermehrter Alkoholkonsum machten langsam meine Beziehung kaputt. Meine Beine fingen an zu kribbeln - nur noch mit Gehstützen war ein vorwärts kommen möglich. Sexualität wurde für mich zu einem Fremdwort. Das Leben hat mich verändert.

Im Mai 2002 war meine rechte Gesichtshälfte taub. Im Juli 2002 kam ich durch meine ständigen Schmerzen im Rücken und in den Beinen in die Rheumaklinik Berlin Wannsee. Erneute Bestätigung von schmerzhafter Osteoporose. Zwei Tage vor Weihnachten 2002 bekam ich dann meinen Herzinfarkt. Ein Suizidversuch in der anschließenden Reha in Rüdersdorf wurde aus Feigheit von mir aufgegeben. In einer anschließenden psychiatrischen Kliniktherapie war ich noch nicht frei für Gespräche, die nur mich betrafen. Meine Depressionen konnten daher nicht behandelt werden.

Meine finanzielle Lage hatte sich im Februar 2003 negativ dahingehend geändert, als dass mir die Krankenkasse das Krankengeld verweigerte und mich an das Arbeitsamt verwiesen hatte, obwohl ich von meinen behandelten Ärzten noch weiter arbeitsunfähig krankgeschrieben war.

Ein Widerspruch hatte keine sofortigen Früchte tragen können. Erst im September des selbigen Jahres hat die Krankenkasse ihre Zahlungen wieder aufnehmen wollen. Es war aber schon Ende November geworden, als mein Krankengeld an mich gezahlt werden konnte. Ende Dezember waren dann auch meine 72 Wochen Krankschreibung zu Ende. Arbeitslosengeld musste wieder neu beantragt werden. Eine veralterte Amtsärztin hat mich begutachtet und ich kann nach ihrem Gutachten noch vollzeitig arbeiten gehen. Ich kann sogar noch am Verkehrsgeschehen teilnehmen. Nur haben meine Medikamente einige Nebenwirkungen, die das nicht zulassen. Es erging mir später nicht anders bei der BfA. Aber hier läuft der Widerspruch auf vollen Touren. Nur so mal zwischen durch.

Mein Dispo-Kredit musste ab Februar 2003 daran glauben und er wuchs ständig, denn er war ja schon in Anspruch genommen worden und lag jetzt so bei 2.700 €. Ich musste neben meinem Arbeitslosengeld noch Wohngeld und Sozialhilfe beantragen. Bis das alles beantragt war, vergingen mit Ablehnungen so einfach mal schon vier Wochen. Es mussten etliche Telefonate geführt werden, das Internet wurde durchforstet und und und. Ich bekam aber auch große Hilfe von einem Unternehmen für in Not geratene Menschen. Das Sozialamt Pankow habe ich damals verklagt wegen unterlassener einmaliger Hilfe. Mit Erfolg! Die Sparkasse hat dann im Mai 2003 meinen Dispo, der dann schon auf 4.500 € angewachsen war, in einen Kredit der normalen Art umgewandelt. Ich bin dann zur Schuldnerberatung der Caritas gegangen, die mir jetzt weiterhelfen und mich auch zurzeit noch betreuen.

Man kann alt werden wie eine Kuh und lernt immer noch dazu. Danke liebes Internet! Die Krankenkasse habe ich verklagt auf Schadenersatz und Schmerzensgeld wegen entgangener Lebensfreude. Ich hoffe, ich habe Erfolg. Mein nächster Versuch um meinen Forderungen Nachdruck zu verleihen: bei Günter Jauch als Verlierer des Jahres 2003/04 aufzutreten!

Beim Versorgungsamt habe ich jetzt einen Veränderungsantrag wegen meiner zunehmenden gesundheitlichen Einschränkungen gestellt. Man hat mir großzügig schon mal 70 % Schwerbehinderung gewährt. Dies ist aber schon wieder sechs Monate her und mein Gesundheitszustand hat sich wieder verschlechtert, ich komme kaum noch mit meinen Beinen zur Suppenküche. Mein Kampf mit der BfA wegen einer Erwerbsunfähigkeitsrente geht jetzt auch in die zweite Runde. Er wird wohl vor dem Sozialgericht enden. Die Staatskasse ist leer.

Das Leben kann auf einmal sehr grausam sein. Es kommt einfach daher, überfällt dich und reißt dich zu Boden. Du wirst abhängig von Ärzten und vielen Medikamenten. Man verliert seine Arbeit, seine Sportsfreunde, sein ungewohntes neues Umfeld macht einem zum Verlierer. Abgestempelt für ein neues Lebensgefühl – Die LEBENSFORM ARMUT tritt in Kraft. Armut heißt aber auch die Hosen runter lassen beim Sozialamt. Gedemütigt und nach langer Wartezeit möchte man sich verstecken, sich eingraben- man hat aber sein Geld für den kommenden Monat sicher erhalten. Es ist wirklich nicht viel, aber es gibt ja die Suppenküche. Einige Extras die man dort bekommt helfen einem schon mal weiter. Es gibt aber auch sehr negatives, manchmal ist das Gemüse verfroren oder faulig, man bekommt Lebensmittel angeboten, wo das Verfallsdatum schon abgelaufen ist. Man wird dadurch zum Schwein abgestempelt, friss oder stirb.

Einige Gesichter kennt man dann mit der Zeit schon, und es sind dann auch mal Gespräche, sehr verhalten, zu Stande gekommen. Durch den Wegfall des Sozialtickets kann ich nur noch sehr selten in die Suppenküche fahren. Auch so ist meine Mobilität sehr eingeschränkt, denn ich bin immer öfter auf fremde Hilfe angewiesen. Auch die Gesundheitsreform ist für mich wie ein Todesurteil, das irgendwann vollstreckt wird. Ich benötige 17 verschiedene Medikamente. Bezahlen ist nicht möglich, jedenfalls nur zum Teil, der Rest muss warten.

Armut verursacht Schmerzen in der Seele und es lässt das Leid noch größer erscheinen, lässt viele Tränen fließen bei jung und alt. Ein Wunsch nach Veränderung macht sich schon breit, aber wann, wo und womit? Alles braucht so seine Zeit. Ich bin in den letzten vier Jahren einen Weg gegangen, der mit spitzen Steinen und vielen Scherben gepflastert war und noch immer ist. Armut wird es immer irgendwie geben, wie jeder sie ertragen kann, ist eine andere Frage. Man kann einiges selber lindern, der ständige Hunger wird bleiben und der schmerzt, außer er wird ertränkt, bis er von neuem wieder in Erscheinung tritt. Danke an die Menschen, die andere aufwecken, anstoßen, aufrütteln - schaut her in meiner Stadt Berlin, hier sitzt und steht die Armut an jeder Straßenecke und morgen könnt Ihr da schon selber stehen. Not macht erfinderisch, aber es verbindet leider nicht. Du bleibst mit deiner Armut alleine hinter deiner Tür. Das große Schweigen macht sich breit.

Werner Hahnefeld, Berlin

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