„Die Würde des Menschen steht unter Finanzierungsvorbehalt“

Ich bin langzeit-erwerbslos. Tag für Tag, Nacht für Nacht, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Die Stiftung, mit der ich viele Jahre zusammen gearbeitet habe, ist pleitegegangen. Ich bin „zu alt“ für den Arbeitsmarkt und habe viel zu viel subversive politische Arbeit gemacht, um eine bezahlte Arbeit zu finden. Ich bin erwerbslos, nicht arbeitslos, darauf bestehe ich.

„Die wollen doch gar nicht arbeiten!“ „Arbeit. Ich arbeite immer, nie arbeite ich nicht. Ein anderes Wort für Leben.“ (Anja Meulenbelt in: Die Scham ist vorbei) Arbeiten tue ich mehr als genug. Lese, schreibe an gegen die Vernichtung des Sozialen, rede bei Veranstaltungen und Kundgebungen, organisiere Aktionen gegen Krieg, Globalisierung und Gewalt, die Frauen angetan wird. Ich entwickle Programme für Kinder, die arm sind, die Schwierigkeiten mit der Schule haben. Flüchtlingskinder, ihre Eltern geflohen aus unerträglichen Lebensverhältnissen, vor großer Armut und Gewalt, vor Krieg, vor Bombardements und Vergewaltigung in ihren Heimatländern. Sie kommen aus Bosnien und dem Kosovo, aus dem Libanon und Palästina, aus der Türkei und Albanien, aus Syrien, Ägypten und aus Deutschland. Ich spiele mit Kindern in der Grundschule hier in meiner Straße, eine Grundschule, in der 80 % der Kinder keine deutschen Wurzeln haben. Ich versuche, sie zu unterstützen, sich ein Stück Kindheit zurück zu erobern, ihnen dabei zu helfen, ein Bewusstsein über ihre und andere Kulturen, die Schönheiten und Andersartigkeiten herauszufinden, sie als gleichwertig zu sehen. Um dann zu schauen, was wir hier zusammen machen können. Viele der Kinder haben Eltern, die Hartz-IV-Abhängige sind, sie können sich in der Ganztagsschule das Mittagessen nicht leisten. Es ist ganz leicht, herauszufinden, was die Kinder brauchen: Unendlich viel Liebe und Zuwendung.

Ich arbeite. Fotografiere den Verfall und den Tanz um das goldene Kalb in der Stadt, in der ich lebe. Hier, in Oberhausen, ist die Erwerbslosigkeit wie überall im Ruhrgebiet sehr hoch. Die Folgen der Globalisierung sind deutlich zu spüren. Die Armut ist sichtbar. Die alte Stadt stirbt. Gleichzeitig haben wir das größte Einkaufszentrum Europas hier, in das Tag für Tag viele Tausend Menschen strömen. Der Konsumtempel scheint nicht glücklich zu machen, die Gesichter jedenfalls sehen nicht besonders froh aus. Das „Centro“ wird als großer Fortschritt gepriesen.

Ich bin Sammlerin. Sammle Zeugnisse über die Anpassung der Medien und der Werbung an die Verarmung. „Essen sie sich reich! Hier sind die Brötchen einen Cent billiger“, wirbt eine Bäckerkette. „Wenn die Menschen kein Brot haben, sollen sie doch Burger essen – Deutschland braucht einen König!“ wirbt Burger King in Anlehnung an den berühmten Satz von Marie Antoinette, als sie den Hungermarsch auf Versailles ankommen sieht. In 15 Jahren habe ich ein Friedensarchiv aufgebaut, sammle Zeugnisse über subversiven Widerstand, Widerständigkeit, von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, vor allem auch von Hoffnungsmomenten. Ich sitze bis spät in die Nacht und lese, schneide aus, klebe ein. In 600 Ordnern werden Dokumente gesammelt, unendlich viele Reden, Flugblätter, Artikel sind im Computer gespeichert, Fotos, Filme und Kunst zusammengetragen. Seit 48 Jahren bin ich Friedensarbeiterin, bin in viele Teile der Erde, in Atomtestgebiete und in Länder gegangen, in denen Krieg ist. Um Solidarität zu zeigen, um auf Folterpraktiken aufmerksam zu machen, um Widerstand zu unterstützen.

Für mich sind die unerträglich, die meinen, sie tun etwas Gutes, wenn sie für die „Vertafelung der Gesellschaft“ arbeiten. Alleine in meiner Stadt mit etwas über 200.000 EinwohnerInnen gibt es 11 Ausgabestellen der Tafel. Ich weiß, dass sie überlebensnotwendig für viele Menschen geworden sind. Aber sie sind keine Lösung. Wir tappen in die Wohltätigkeitsfalle. Haben die Kinder keine Bücher zum Schulanfang? Dann beginnen wir eben zu sammeln, Ver.di, die Kirchen und andere. Und meinen es gut. „Ich bekomme mehr zurück, als ich gebe“, sagt Frau Christiansen, wenn sie von ihren Unicef-Touren zurückkommt. Wohl wahr. Ach, diese großen traurigen Kinderaugen, die so dankbar sind für die Krumen. Unicef ist zum Ablass der Gesellschaft mutiert. Die Perversion der Spendengalaveranstaltungen, wo die Reichen zu ihrer Erbauung zusammenkommen um „Gutes“ zu tun, ist kaum zu toppen.

Ich sammle Zeugnisse über die Bürokraten in den Verwaltungen, über die Herren des Morgengrauens, die Flüchtlinge bei Nacht und Nebel aus ihren ärmlichen Behausungen herausholen, sie verfrachten, als Frachtgut zurückschicken. Die arrogant in Amtsstuben sitzen und die Menschen verwalten, die aus dem System herausfallen, weil ihre Firma pleitemacht, verkauft worden ist. Das Angebot der Erwerbsloseninitiative in Oberhausen an die MitarbeiterInnen der Arbeitsagentur, mit ihnen zusammen außerhalb des Arbeitsamtes zu diskutieren, damit wir uns nicht immer nur vor und hinter der Barriere treffen, ist von ihrer Seite nicht wahrgenommen worden. Andere Bürokraten, PolitikerInnen und Beamte verteilen Steuergelder, Sozialhilfe in Milliardenhöhe an Konzerne, die dann kurze Zeit später die Betriebe dicht machen. Ich bin immer fremder in dieser Welt, verstehe diese Gesellschaft nicht. Worüber wird geredet? Neue Automodelle, Häuser, Handys, Konsum, exquisite Gerichte kochen? Das ist nicht die Welt, in der ich leben möchte.

Arbeitslos? Nein, ich bin erwerbslos, nicht arbeitslos. Arbeitslos sind die „Anderen“. Die sich langweilen, die die Gerichts- oder Talkshows in den Privatsendern schauen. Die keine Zeitung mehr lesen, das Saufen anfangen. In diesen Talk- und Gerichtsshows, in sogenannten „ExpertInnendebatten“, auch in den öffentlich rechtlichen Medien, wird Stimmung gegen die Erwerbslosen, kaum gegen die Erwerbslosigkeit gemacht. Mit Unterstützung von PolitikerInnen und devoten Medien wird ein widerlicher Generalverdacht gegen Erwerbslose lanciert. Die Menschen hören so viel über die betrügerischen Absichten, die Abzockerei der Arbeitslosen, dass sie nach und nach ihre eigene Misere als selbst verschuldet empfinden. Die „Anderen“, das sind die mit den grauen Gesichtern, die in der Schlange im Arbeitsamt vor und hinter mir stehen. Wo ich verzweifelt überlege, was ich da tun kann. Musik mitbringen? Tango tanzen? Clownin spielen, um die stundenlange Wartezeit zu verkürzen? Aus dem Leitfaden zum SGB II vorlesen (danke für die Erarbeitung an Harald Thomé, Rainer Roth und die anderen), damit die Menschen über ihre Rechte informiert werden? Es ist der Ort, wo es keine Garderobenhaken gibt, man also im Winter in dicken Klamotten herumsteht, wo eine Stimme den Nachnamen ohne Herr oder Frau aufruft. Was sie dann, nachdem ich sehr vernehmlich protestiert habe, nicht mehr tut.

Ich bin ja aufgehoben. In der Linken, der Frauenbewegung, der Gewerkschaft. Ich treffe mich doch mit denen, die Bescheid wissen, die auf ihre Fahnen geschrieben haben, dass sie sich nicht mit den Plänen der Herrschenden abfinden. Hier, wo die Erwartungen an solidarisches Handeln am größten sind, sind die Enttäuschungen am gewaltigsten. Das Arbeitsamt informiert mich: Ich müsse meine Lebensversicherung verkaufen und zunächst mal davon leben. Ich bin seit 47 Jahren Gewerkschaftsmitglied, war Stipendiatin der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung. Jetzt möchte ich mir Rat bei der DGB-Rechtsberatung holen. „Ja, wenn jetzt die Arbeitslosen auch noch mit ihren Problemen kommen, wir haben schon genug anderes zu tun“, sagt der Rechtssekretär beim DGB. Er gibt mir eine falsche Rechtsauskunft, die für mich gravierende Folgen hat. Ich bitte FreundInnen aus Hochschule und Gewerkschaft, mit zu überlegen, wie das Friedensarchiv und die Arbeit gerettet werden können. Ich bekomme nicht mal eine Antwort. Andere FreundInnen unterstützen das Archiv mit Monatsbeiträgen, leider sind es zu wenige.

Ich fahre zu einem Treffen der Rosa Luxemburg Stiftung nach Mainz. Thema ist Frauenpolitik. Das Treffen ist in einem Kulturzentrum außerhalb der Stadt. Wir reden unter anderem über die besondere Betroffenheit von Frauen in dieser Krise. Es ist Mittag, Mittagspause. „Wir gehen jetzt essen“, wird gesagt. Essen gehen? Es gibt ein Restaurant in diesem Zentrum. Ein Mittagessen kostet so viel, wie wir als Hartz-IV-Abhängige an drei Tagen für Essen und Trinken zur Verfügung haben: 3.60 Euro pro Tag. Würden wir also dreimal während dieser zwei Tage essen gehen, müssten wir anschließend acht Tage lang hungern. Die, die verdienen, gehen essen. Die Hauptamtlichen, die Funktionärinnen, die Akademikerinnen, die, die noch Arbeit haben. Wir, die Erwerbslosen, die Studentinnen können uns das Essen nicht leisten. Es war nicht angekündigt, dass kein Essen bereitgestellt werden kann, dass es nur ein teures Restaurant gibt, Geschäfte zum Einkaufen gibt es nicht. Meine Wut wächst, schwillt an zum Zorn. Wenn selbst diejenigen, die öffentlich verkünden, sie sehen die Probleme der Verarmung, nicht mal mehr mitbekommen, welche Risse sich da in ihrer unmittelbaren Umgebung auftun, auf wessen Solidarität können wir uns dann noch verlassen? Als die Frauen vom Essen zurückkommen, und wir wieder beginnen, ergreife ich das Mikrofon: Mein Vorschlag ist sarkastisch gemeint: Die Rosa-Luxemburg-Stiftung oder die Linkspartei könnten ja für ihre nächsten Treffen die örtliche Tafel beauftragen, für die Armen der politischen Treffen Essen bereitzustellen. Eine Kollegin, sie ist Europa-Abgeordnete, sagt allen Ernstes: „Das ist aber ein guter Vorschlag!“ Mir bleibt die Spucke weg. Was verdient so eine Abgeordnete der Linkspartei im Europaparlament? Wie weit sind sie entfernt von uns? Was bedeutet das für das Ego, den Fahrdienst des Europaparlamentes oder des Bundestages zu benutzen, 1. Klasse zu fahren und zu fliegen, sich keine Gedanken über Telefonkosten, Miete, Gesundheitsversorgung, gesundes Essen, gute Stoffe, Kosten zur Erholung machen zu müssen?

Ich sammle die Berichte über den Widerstand, versuche, nicht daran zu denken, dass ich Hartz-IV-abhängig bin. Spüre es jetzt im Winter natürlich umso mehr. Heizen nur in einem Zimmer, und auch nur dann, wenn ich längere Zeit dort bin. Sitze im Mantel, Wolldecke über die Beine, dicke Socken, Handschuhe, wie sie die Marktfrauen tragen, in denen die Finger frei sind und warme Schuhe, wenn ich schreibe. Bin ich unterwegs bei einem Treffen in durchgängig geheizten Räumen, ist mir das fremd. Wundere mich nicht, dass ich immer weniger schlafen kann, nachdem einer der Briefe, die viele hunderttausend Menschen erreicht haben, auch bei mir in den Briefkasten flattert: Ihre Wohnung ist zu teuer. Reduzieren Sie Ihre Miete oder ziehen Sie aus. Die große Wohnung hat mit dem Friedensarchiv zu tun, das ich in vielen Jahren aufgebaut habe. Die Bedrohung durch die Enteignung des gelebten Lebens rückt näher. Nachts, in der Schlaflosigkeit, unkontrolliertes Essen und mehr Fernsehkonsum, als gut ist. Ich nehme drastisch an Gewicht zu. Bin viel zuhause. Bis jetzt der Fluchtpunkt, den ich bald nicht mehr haben soll. Fahre kaum noch Fahrrad wie früher. Habe ja hier genug zu tun. Ziehe die Vorhänge manchmal nicht auf, versinke in meiner Welt. Dort bin ich unendlich reich, innerlich, im Denken, mit Musik, Büchern, Kunst, mit Kochen, Schreiben und mit dem, was ich mir alles ausdenke, was zu tun ist, von dem ich auch eine ganze Menge  umsetze.

„Draußen“ habe ich keine Lust, den FreundInnen zu sagen, dass ich mir Essengehen, Kino, Theater gehen nicht leisten kann. Bekomme auch im engen Umfeld immer mehr das Gefühl, nur unwillig geduldet zu sein als diejenige, die die materielle Armut repräsentiert. Mein Portemonnaie wird gestohlen, alle Ausweispapiere. Lohnt es sich noch, einen neuen Personalausweis, einen Führerschein zu beantragen? Die kosten viel Geld. Wozu? Symbolhaft: Ich verliere langsam meine Identität. Die Zeitungen berichten über meine Misere. Ich bin durch die Stadt, in der ich lebe, für Friedensarbeit ausgezeichnet. Ein Leser stiftet ein Jahresabo für eine Zeitung, die ich brauche, wie die Luft zum Atmen. Zwei Freunde geben für eine begrenzte Zeit einen Zuschuss zur Miete für das Archiv. Die Stadt gibt einen kleinen Beitrag für meine Arbeit in der Schule. Das sind kleine Aufschübe, keine wirklichen Lösungen.

Wer, ich? Ja, ich! Ich bin eine von denen. Eine von uns. Eine von vielen Millionen. Denkt nicht, dass es mir leicht gefallen ist, diesen Bericht zu schreiben. Doch ich erinnerte mich an den Titel eines der wichtigsten Bücher der neuen Frauenbewegung, geschrieben vor etwa 30 Jahren von der niederländischen Aktivistin Anja Meulenbelt: „Die Scham ist vorbei!“ Wer, wenn nicht wir, die es betrifft, können über uns reden. Wir sind die Fachleute.

Ellen Diederich, Dezember 2007

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