Unfallfolgen

Konni hatte bis kurz vor ihrem Unfall in den neuen Bundesländern gewohnt. Am 01.08.1999 kam die entscheidende Wende in ihrem Leben. An diesem Tag war sie mit dem Fahrrad unterwegs. Es war ein herrlich sonniger Tag, der geradezu einlud um in die Natur hinauszugehen. Viele Menschen waren an diesem Tag unterwegs. Konni und ihr Begleiter waren auf einem Fahrradweg unterwegs, der an einem Autobahnzubringer entlang stadtauswärts führt. Kurz nach der Autobahnein/-ausfahrt gibt es einen Weg durch die Wiesen. Um auf diesen Weg zu gelangen muss der Fahrradfahrer den Autobahnzubringer im 90°-Winkel überqueren. Ihr Begleiter stoppte an der Stelle, wo der Weg den Autobahnzubringer kreuzt. Schon von Weitem hatte er ein Fahrzeug gesehen, das mit hoher Geschwindigkeit nahte. Konni sah das Fahrzeug nicht, oder hatte dessen Geschwindigkeit falsch eingeschätzt. Sie fuhr auf die Fahrbahn. Das herannahende Fahrzeug erfasste Konni. Sie wurde durch die Luft geschleudert und blieb schwerverletzt auf der Fahrbahn liegen. Die Autofahrerin hatte, wie sich später herausstellte, erst kurz den Führerschein.

Monatelang wurde sie nun in einer Spezialklinik behandelt. Sehr bald war sicher: Konni wird wohl nie mehr laufen können! Querschnittsgelähmt. Zudem war der Querschnitt höhergehend, d. h. die Arme und Hände waren mitbetroffen. Konni ist auf den Rollstuhl und allerlei Hilfsmittel und Hilfsvorrichtungen angewiesen. Sie liegt in einem verstellbaren Spezialbett. Eigentlich gibt es in diesem Bereich sehr, sehr viele Hilfsmittel. Die Anschaffungen scheitern aber an den sehr hohen Preisen (oft Einzelanfertigungen, bedingt durch die unterschiedlichen Behinderungsgrade).

Mehrmals täglich kommt ein Sozialdienst ins Haus. Im Wesentlichen wird katheterisiert und jeden zweiten Tag abgeführt. Dies sind aber hauptsächlich medizinische Verrichtungen. Andere Hilfen werden von mir als ihrem Lebenspartner erbracht. Konni ist in Pflegestufe 3 eingeordnet - der höchsten zu vergebenden Pflegestufe. Der Pflegeaufwand beträgt jeden Tag 6 Stunden und 42 Minuten - dafür werden über die Pflegekasse 650 Euro ausbezahlt für eine Pflegekraft. Da gewisse Leistungen aber ebenfalls von diesem Betrag für die Sozialstation abgehen, verbleiben für die Pflegekraft (momentan ich als Lebenspartner von Konni) gerade einmal durchschnittlich 520 Euro. Daran ist schon zu erkennen, welche Problematik sich hier in massiver Weise auftut. Würden alle Arbeiten von einer Sozialstation verrichtet werden, käme man auf einen Betrag von ca. 3.400 Euro. Einen Betrag, den Konni nicht aufbringen könnte! So bin ich als Pflegeperson an 7 Tagen in der Woche ohne Urlaub und ohne Feiertage ca. 7 Std. beschäftigt. Diese 7 Stunden pro Tag sind aber nicht ganz die Realität. Durch die zunehmende Bürokratie im Umgang mit Ämtern, Behörden und Institutionen ist hier mindestens eine Stunde täglich mehr anzusetzen!

Konni ist derzeit monatelang nicht aus der Wohnung gekommen. Sie hat monatelang an keinem kulturellen Ereignis teilgenommen. Besuche in ihrer Heimat (sie stammt aus der Nähe von Dresden) können wegen der finanziellen Situation nicht unternommen werden.  Der Bekannten- und Freundeskreis hat sich erheblich dezimiert. Problematisch ist auch das Verhältnis zu ihrer Mutter und deren Eltern, also der Großeltern von Konni. Bei Besuchen in der Vergangenheit hatte Konni den Eindruck, als wäre sie nicht sehr willkommen. Die Großeltern sind berentet und möchten ihren Lebensabend am liebsten mit Reisen verschönern. Die Mutter kann bestimmte Handlungen, wie z. B. Exkremente entfernen, nicht vornehmen und hat, wie sie aussagt, genug eigene Probleme. Nach einem Besuch meinte sie, dass Konni sie "tyrannisieren" würde. Als Unterzeichner und seit 9 Jahren jeden Tag mit Konni zusammen, kann ich nur aussagen, dass dies einfach nicht stimmt, das Verhalten der Mutter aber symptomatisch für so manchen Verwandten oder Bekannten von Konni ist, aber auch bezeichnend für eine Gesellschaft ist, in der solche Verhaltensweisen an der Tagesordnung sind.

Das Problem an der ganzen Angelegenheit ist, dass durch meine Mehrfachbelastung (weil die finanzielle Ausstattung in keinster Weise zum Leben reicht, musste ein Nebenerwerb gefunden werden) auch Konni öfter alleine ist. Eine Vertretung durch eine Sozialstation ist wegen der Kosten nie in Anspruch genommen worden! Auch bei Krankheit war ich immer im Einsatz. Dann aber doch unter Umständen, die eigentlich nicht haltbar waren und sind (z. B. verminderte Körperpflege etc.).

Insgesamt ist auszusagen, dass an diesen wirklich prekären Umständen eine baldigste Änderung erfolgen muss. Insgesamt hat Konni die Folgen des Unfalles mit allen schlimmen Auswirkungen für sie selbst in einer Art und Weise gemeistert, die Ärzte, Mitarbeiter von Sozialstationen etc. immer wieder aufhorchen und staunen lässt. Ich als Pfleger und Lebenspartner kann mich hier nur anschließen. Immer wieder bin ich aufs Tiefste beeindruckt, z. B. auch ihren Humor, der nicht gespielt ist, zu bewundern. Beim Herunterfallen von Gegenständen aus ihren beeinträchtigten Händen kommt ein herzliches Lachen und oft der Satz: „Was war ich jetzt wieder ungeschickt“. Anhand dieses Beispiels ist für den Betrachter vielleicht verständlich, wie erstaunlich gut Konni ihre Behinderung angenommen hat. Deshalb ist es für mich als Pfleger und Freund von Konni unverständlich, wie immer mehr dieser doch sehr gute Zustand durch allerlei Einflüsse von außen zerstört werden soll. Die Anzeichen mehren sich, dass Konni in eine Depression abdriftet. Die Ursachen sind Unverständnis, der Versuch sie auszutricksen (auch ganz offiziell von Behörden) und für dumm zu verkaufen, die zunehmenden Schwierigkeiten in allen Bereichen, der ewige Kampf mit Behörden, Ämtern und Institutionen etc. Konni ist keineswegs dumm. Sie ist eine intelligente junge Frau, die eine Arbeit sucht, wo sie mit Menschen zusammenkommen kann, wo sie sich austauschen kann, wo sie sich einbringen kann und wo sie ihr ausgesprochenes Organisationstalent zur Geltung bringen kann. Ich als Pfleger und Betreuer kann es nicht fassen, warum dies alles nicht (noch nicht einmal im Ansatz) angegangen wird. Die Arbeitsagentur z. B. ist ihrer Pflicht zur Integration von Behinderten in Konnis Fall in keinster Weise nachgekommen. Im Gegenteil. Durch Tricksereien, durch den Versuch sie "abzuschieben" in z. B. Rente, durch Kürzungen, Streichungen und Unverschämtheiten ist eine verheerende Situation entstanden !

Immer noch liegt sie in einem Zimmer, das nur halbwegs fertiggestellt ist. Der Umzug in eine neue Wohnung vor einiger Zeit war notwendig, da wir in der alten Wohnung auf Eigenbedarf gekündigt wurden! Stromkabel liegen blank. Der Treppenabgang ist ungesichert (Unfallgefahr!). Die Wohnsituation ist durch die Einstellung der Bautätigkeit wegen der finanziellen Katastrophe schlechter als in der alten Wohnung! Behindertengerechte Elemente konnten nicht installiert werden. Eine Spätfolge der Entscheidungen von Ämtern und Behörden…

Zwischenzeitlich haben wir durch hartnäckiges Durchhalten einen kleinen Teilerfolg verbuchen können. Ein aus dem Jahr 2001 stammender Bescheid des (damals) Arbeitsamtes wurde in mehreren Verfahren vor dem Sozialgericht als rechtswidrig anerkannt. Sozialleistungen mussten nachbezahlt werden. Trotzdem sind z. B. die Wohnverhältnisse nicht besser geworden. Mit dem eingegangenen Geld mussten Privatkredite abgegolten werden. Kredite von Banken bekommen wir seit dem Unfall keine! Ich als Lebenspartner war wie berichtet gezwungen, neben der Pflege noch einen Beruf auszuüben. Ich hatte (die Firma steht kurz vor dem Konkurs) einen kleinen Betrieb. Durch Vandalismus, Diebstahl und Nichtbezahlung von Rechnungen etc. ist uns ein Schaden (zum großen Teil angezeigt) von über 25.000 Euro entstanden! Unfallfolgen!?

Lothar Schwarz, November 2008

© armutszeugnisse.de | Realisation: flamme rouge gmbh