Alter Bahnhof im Görlitzer Park

Vorüberlegungen/Vorurteile:

  • Auf der Rampe vor dem Gebäude sitzen nach Angaben eines Studienkollegen immer etwa 20 Obdachlose.
  • Wahrscheinlich werde ich als Frau angepöbelt oder weggeschickt.
  • Obdachlose, das sind Männer.
  • Da ich den Görlitzer Park nicht kenne, weiß ich gar nicht, wo ich mich hinsetzen soll, um zu beobachten.

Tag der Beobachtung: 26. Mai 2003, 12 Uhr:

Beobachtungen: Bemerkungen/Interpretationen:
Erst gegen 13:30 Uhr finden sich ein paar Leute an der Rampe ein. Ich erfahre später in einem Gespräch, dass sie morgens entweder ausschlafen oder auf dem Sozialamt sind.
Im Laufe des Nachmittags sind etwa 15 Männer und 3 Frauen zu sehen. Ihr Alter liegt wohl im Durchschnitt bei 35 bis 40 Jahren. Allerdings ist auch ein sehr junger Mann (25?) dabei. Also deutlich weniger Frauen, warum? Vielleicht schämen sich Frauen ihrer Armut mehr und verstecken sich deshalb?
Einige kommen mit tollen, neuen Fahrrädern. Wie können die sich das leisten? Vom Soz?
Wer neu hinzukommt, bringt Bier mit oder geht Bier holen. Gruppenzusammengehörigkeit?
Zigaretten und Bierdosen werden geteilt, aber nicht mit jedem. Es scheint Gruppen zu geben und Antipathien.
Es wird sehr viel geschwiegen, getrunken und geraucht und gelacht. Es scheint ein harmonisches Kaffeekränzchen zu sein. Aber man kann sich wohl nicht permanent eine Situation von Arbeits- und vielleicht auch Hoffnungslosigkeit vor Augen führen.

Auswertung:

Da ich mit zwei KommilitonInnen im Anschluss an diese Beobachtung zwei Interviews mit Leuten von der Rampe für ein anderes Seminar geführt habe, hat sich einiges aus der Beobachtung mit meinen späteren Erfahrungen, den Antworten der Interviewpartner und meinen Interpretationen vermischt.

Wie aus der obigen Darstellung hervorgeht, ist es mir äußerst schwer gefallen, Deutungen zu vermeiden. Es ist mir an dieser Übung sehr deutlich geworden, dass ich alles verstehen will oder auch wilde Spekulationen entwerfe, ohne erst einmal genauer hinzuschauen. Das ist eine wichtige Erfahrung für mich.

Inhaltlich habe ich aus dem Interview eine ganze Menge gelernt und bin mit meinen Vorurteilen konfrontiert worden. Aber auch in der Beobachtung habe ich etwas gelernt, was sich vielleicht hartherzig oder naiv anhören könnte. Indem ich diese Gruppe im Park einmal wirklich wahrgenommen habe, habe ich gesehen, dass das Menschen sind, mit Gefühlen und Streitigkeiten, mit einer gewissen Solidarität und Organisationsvermögen. Mir war einfach nicht klar, dass nicht nur "asoziale" und schlecht gebildete Menschen auf der Straße landen können, sondern einfach jeder.

Eines dieser Missverständnisse, das an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich aufzuklären ist: Alle diejenigen, die sich hier an der Rampe aufhalten, haben eine eigene Wohnung oder leben in besetzten Häusern. Sie treffen sich fast täglich, um der Einsamkeit und Langeweile zu Hause zu entgehen.

Susanne Grötsch
(Werkstatt "Armutszeugnisse", SoSe 03, WiSe 03/04)

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