Armut am Alexanderplatz?

An einem Donnerstag gegen Mittag hatten wir die Möglichkeit eine Kleingruppe Punks im U-Bahnhof Alexanderplatz unauffällig zu beobachten. Wie für einen Bahnhof dieser Größe üblich, herrschte ein ständiges Kommen und Gehen und man hatte den Eindruck einer stetigen Bewegung. So war es relativ einfach geeignete Orte zu finden um die zwei ca. zwanzigjährigen Jungen und das ca. siebzehnjährige Mädchen zu beobachten. Zu der Gruppe gehörten ebenfalls zwei Hunde, die friedlich neben ihren BesitzerInnen lagen.

Im Schatten des Turms
Im Schatten des Turms

Während der dreistündigen Recherche saßen die Drei auf dem Boden, tranken billiges Bier aus Büchsen und rauchten selbstgedrehte Zigaretten. Nur einmal ging das Mädchen weg und kam mit einer Tüte vom nahegelegenen Bäcker wieder. Es herrschte eine lockere Atmosphäre. Die Unbefangenheit im Umgang miteinander ließ vermuten, dass alle näher miteinander befreundet seien. So unterhielten sie sich zeitweilig sehr angeregt, des Öfteren lachten sie und neckten sich gegenseitig mit kleineren Sticheleien. So legte das Mädchen öfter den Kopf an die Schulter des einen Jungen. Einmal schien die Unterhaltung sehr ernsthaft und artete in lautes Gebrüll aus. Auch die Blicke wurden deutlich wütender, so dass sogar die Hunde zu bellen anfingen. Die gereizte Stimmung beruhigte sich jedoch schnell wieder. Weiter war zu bemerken, dass hin und wieder die Stimmung dahingehend kippte, dass die Gruppe einen müden, gelangweilten, teilweise resignativen Eindruck machte.

Optisch entsprachen alle dem klassischen Erscheinungsbild der Punks. Die beiden Jungen hatten bunt gefärbte Haare und trugen schwarze Lederjacken mit Nieten sowie Graffitiaufschrift. Das Mädchen hatte lange, rote Haare und trug eine zerrissene Netzstrumpfhose. Alle sahen eher ungepflegt aus, da die Kleidung nicht nur zerrissen und voller Löcher, sondern auch stark verschmutzt war. Allerdings lässt sich nicht beurteilen, ob die Kleidung Ausdruck einer politischen Einstellung war oder nur einem modischen Ideal entsprach. Somit kann nicht zwangläufig auf Armut geschlossen werden, da alle Springerstiefel sowie allerhand Schmuck trugen und zum Teil tätowiert waren. Gelegentlich blickte ein Mann vom Sicherheitsdienst missmutig auf die Gruppe, vertrieb diese aber nicht.

Während unserer Beobachtung sprachen die Drei PassantInnen immer wieder nach Geld, Fahrscheinen und Zigaretten an. Anfangs waren sie dabei noch sehr freundlich, fast schon zurückhaltend, später aber ein wenig offensiver und teilweise auch genervt, da sie über längere Zeit keinen Erfolg hatten.

Seitens der Passanten ließen sich die unterschiedlichsten Reaktionen erkennen. Etliche reagierten freundlich und gaben bereitwillig etwas Kleingeld. Über einen gewissen Zeitraum waren sogar relativ viele Leute sehr spendabel, allerdings immer sehr auf Distanz bedacht, was an ihren zügigen Schritten und ihren flüchtigen Blicken auszumachen war. Viele vermieden möglichst den Blickkontakt und andere schienen sogar bewusst einen Bogen um die Drei zu machen. Wiederum andere blickten genervt in Richtung der Gruppe.

Zwei Jugendliche, die des Weges kamen, setzten sich jedoch zu den Punks – man schien sich zu kennen und war offensichtlich befreundet.

Während der Anwesenheit der beiden anderen Punks wurde das Betteln unterbrochen und ein angeregtes Gespräch kam auf.

Wir konnten sehen, dass die Leute im Allgemeinen nicht mit offener Feindseligkeit, sondern eher mit unterschwelliger Abneigung reagierten. Wir konnten aber auch sehr freundliche Leute beobachten, die sich neben einer Spende sogar höflich verabschiedeten. Manche entschuldigten sich dafür, dass sie kein Kleingeld gaben. Des Weiteren konnten wir eine geringe Anzahl von Leuten beobachten, die auf uns regelrecht schuldbewusst wirkten, was sich in ihrer Gestik und Mimik äußerte. Sie hielten nur kurzen Blickkontakt und zuckten anschließend mit den Schultern. Eine ältere Frau blieb kurz bei der Gruppe stehen, sprach mit ihr, streichelte einen Hund und gab sich besorgt.

Abschließend wäre zu erwähnen, dass es interessant für uns war, einen kleinen Einblick in den Alltag der Drei gewährt zu bekommen. Wenn man jedoch aufmerksam seine Umwelt wahrnimmt, dann ist das Auftreten der Punks in der Öffentlichkeit bereits bekannt, zumal sie in Berlin schon länger das Stadtbild prägen. Dennoch hatten wir die Möglichkeit, das Verhalten einer Gruppe armer Menschen und die vielfältigen Reaktionen ihres Umfeldes zu beobachten. Letztendlich jedoch blieb es schwierig, alleine vom Äußeren und der Verhaltensweise direkt auf Armut zu schließen.

Jana Vieth
Susanne Karsch
Sebastian Reißig
(Werkstatt „Armutszeugnisse“, SoSe 03, WiSe 03/04)

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