Straßenkinder in Bukarest

„Straßenkarrieren“

Ramona und Costel sind zwei ehemalige „Straßenkinder“ aus Bukarest, die es mit Hilfe der Organisation „Concordia“ geschafft haben, der Straße den Rücken zu kehren und heute ein geregeltes Leben zu führen. „Concordia“ ist ein soziales Projekt in Rumänien, welches mit einem mehrstufigen Modell versucht, „Straßenkinder“ wieder in die rumänische Gesellschaft zu integrieren. Mittlerweile sind Ramona und Costel erwachsen, gehen einer Arbeit nach und leben selbstständig. Im Sommer 2007 hatte ich im Rahmen eines Praktikums die Gelegenheit, die beiden kennenzulernen. Oft habe ich mich mit ihnen über ihr Leben heute und früher unterhalten und Protokolle angefertigt, aus welchen die folgenden beiden Falldarstellungen entstanden sind.

Straßenkinder in Bukarest
Straßenkinder in Bukarest

Costel: „Warum hast du mich geboren, wenn du mich nicht wolltest?“

Nach der Geburt wurde Costel von seiner Mutter im Krankenhaus zurückgelassen. Er hat sie erst mit 18 Jahren ausfindig machen können und kennengelernt, und ihr lange übel genommen, dass sie ihn zurückgelassen hat. Als er sie das erste Mal besuchte, fragte er sie: „Warum hast du mich ins Heim gegeben? Warum hast du mich geboren, wenn du mich nicht wolltest?“ Heute versteht er sie: „Sie konnte nicht anders.“ Der Vater hat getrunken, war immer auf der Straße und sie hatte kein Geld. Es gab für sie keine Möglichkeit Costel großzuziehen.

Costel kam schließlich in ein Heim für Babys. Mit fünf Jahren haben sie ihn in ein anderes Heim gebracht und mit sieben in eines für größere Jungen. Immer waren sie über 300 Kinder und „es war schrecklich“. Ständig gab es Schlägereien, und die Großen haben die Kleinen unterdrückt, „fertig gemacht“ und ihnen das Essen vom Teller genommen. Auch Costel hat die Schwächeren gequält. Wenn die Kinder den ErzieherInnen von den Misshandlungen der Älteren erzählten, sind sie danach in das „schwarze Zimmer" gekommen und wurden von den anderen Kindern verprügelt. Dreimal hat er versucht wegzulaufen, sie haben ihn immer wieder gefangen, die ErzieherInnen oder die Polizei. Dann wurde ihnen mit Stöcken auf die Fußsohlen geschlagen, bis sie nicht mehr gehen konnten und die Füße blutig und geschwollen waren. Beim vierten Mal hat er es geschafft. Diesmal war er alleine und es war Winter. Nachts ist er im Pyjama aus dem Fenster gesprungen und über einen großen Betonzaun geklettert. Barfuss ist er bis in die nächste Stadt gekommen, wo ihn schließlich wieder die Polizei schnappte. Er musste ihr Büro sauber putzen, dann haben sie ihn geprügelt und laufen lassen.

Schließlich hat er mit anderen „Straßenkindern“ eine Weile in einem Keller gewohnt, wo es nachts sehr kalt wurde. Nach ein paar Wochen ist Costel schließlich auf einen Zug aufgesprungen und kam ein paar Stunden später total durchgefroren in Bukarest an. Am Bahnhof fand er schnell Kontakt zu anderen Kindern. Auch hier haben sie sich geprügelt und er hat einem Kleineren die Kleider weggenommen, damit er selbst es warm hat. Damals war Costel gerade mal acht Jahre alt. Später ist er auch in Läden eingebrochen und hat gestohlen. Er habe nur Essen genommen: „Von Geld habe ich noch keine Ahnung gehabt, da war ich noch zu jung.“ Er wollte nur den Hunger stillen. Oft wurden die Kinder von der Polizei geschnappt, eingesperrt, verprügelt und wieder laufen gelassen. Aurolack (ein als Droge verwendetes Lösungsmittel) hat er nie genommen, weil ihm von diesen Drogen gleich schlecht geworden ist. Über ein Jahr hat er so am Bahnhof gelebt.

Irgendwann hat er die MitarbeiterInnen von „Concordia“ kennengelernt. Damals wurde er gefragt ob er mit in ein Kinderhaus kommen will. Das wollte er jedoch nicht. Nie wieder wollte er in ein Heim. Er hat sich nicht vorstellen können, dass es auch „gute Heime“ gibt. Schließlich ist er doch mitgegangen und dachte sich, falls es ihm nicht gefalle, könne er ja „sofort wieder weglaufen“. Zuerst wurde er gebadet, dann bekam er Kleider und ein Bett. Danach haben sie ihm die Haare geschnitten. Er wollte damals noch ein Schwänzchen hinten behalten, als Erinnerung an die Vergangenheit. Das war die „größte Überraschung“ seines Lebens: „Ich durfte das Schwänzchen behalten, obwohl es ein verrückter Wunsch von mir war“. Sonst wurde ihm immer eine Glatze geschnitten, was ihm gar nicht gefiel. Das erste Mal konnte er sagen, wie er aussehen will. Für ihn war alles so neu und anders. Ein paar Mal ist er jedoch auch von „Concordia“ weggelaufen. Er hatte gehört, dass ErzieherInnen vom staatlichen Heim kommen und ihn zurückholen wollten. Nach drei Tagen ist er wiedergekommen: „Als die Luft rein war“. Er hat zu Concordia Vertrauen gehabt. Er wusste, dass sie ihn nicht ins staatliche Heim zurückschicken würden.

In den nächsten Jahren hat er die Schule abgeschlossen und auf der „Farm der Kinder“ eine Bäckerlehre gemacht. Seit 2006 wohnt er selbständig in einer Wohngemeinschaft in Bukarest und arbeitet bei „Billa“ (eine Supermarktkette). Heute ist er sehr dankbar, dass ihm „Concordia“ so weit geholfen hat. Er ist mit seinem Leben sehr zufrieden: „Ich hoffe, dass ich es bald schaffe eine eigene Wohnung und eine Familie zu haben. Mein Traum ist ein riesengroßes Gewächshaus, damit ich Gemüse anpflanzen kann.“ Er möchte sich nie wieder von „Concordia“ trennen, dafür ist ihm das Vertrauen, was sich in den Jahren aufgebaut hat, viel zu wichtig.

Straßenmädchen in Bukarest
Straßenmädchen in Bukarest

Ramona- „Glücklich will ich werden, nicht reich“

Als Ramona klein war, gab es in ihrer Familie viel Ärger. Der Vater war Trinker und oft gereizt. Es gab jeden Tag Streit und oft auch Schläge. Ihre Mutter, der zwei Jahre ältere Bruder und sie haben es nicht mehr ausgehalten mit ihm. Immer öfter liefen die Kinder davon. Sie sind zu Verwandten und zu Freunden gegangen, von denen sie erst aufgenommen, aber immer wieder nach Hause gebracht wurden. Später sind sie und ihr Bruder immer länger weggeblieben, und so fing es an, dass sie immer mehr auf der Straße gelebt haben. Damals war Ramona fünf Jahre alt.

Auf der Straße lebte sie am Anfang zusammen mit George, ihrem Bruder, der immer auf sie aufgepasst hat, obwohl er auch noch klein war. Sie haben um Geld, Essen und Kleider gebettelt. Dann haben sie sich irgendwann verloren, und Ramona ist mit einer Gruppe Mädchen zusammengeblieben. Sie haben sich wie Jungen benommen und auch so angezogen. Die Älteste in ihrer Gruppe hatte einen Freund, welcher die Mädchen beschützt hat. Trotzdem kam es mehrmals dazu, dass sie vergewaltigt wurde. Fast alle von dieser Mädchengruppe sind inzwischen Prostituierte geworden. „Wenn du einmal vergewaltigt worden bist, kommt der eine und dann der andere“. Sie hat oft Angst gehabt und fast jeden Tag ist irgendetwas passiert. Oft wurde sie auch von größeren Straßenkindern vergewaltigt. Gebettelt hat sie meist in Restaurants. Dabei hat sie manchmal ganz gut verdient und ist auch ab und zu mal ins Kino gegangen. Das hat ihr sehr gefallen. Einmal wurde sie von der Polizei so geschlagen, dass sie nicht mehr laufen konnte und ins Krankenhaus musste. Von dort wurde sie in ein Zentrum für Minderjährige verlegt. Da war sie zwei Wochen. Dann hat die Revolution begonnen. Das Zentrum wurde geschlossen und ein Polizist hat sie zu ihren Eltern gebracht. Von ihnen wurde sie wieder geschlagen und gedemütigt. So ist sie dann schließlich wieder weggelaufen.

Seit 1990 ist sie in Bukarest. Irgendwann hat sie Pater Georg am Bahnhof gesehen und wurde von ihm mitgenommen. „Concordia“ eröffnete zu dieser Zeit sein erstes Kinderhaus, was damals lediglich eine Notschlafstelle war. Jedoch war Ramona sehr froh, jetzt wenigstens einen Platz zum Schlafen zu haben. Im Sozialzentrum „St. Andrei“ fühlte sie sich sicher und geborgen und durfte auch erstmal hier bleiben. Ramona ist bald in die Schule gekommen, wo es sehr schwer war für sie. Denn bis sie zehn war, hat sie kaum die Schule besucht. Jetzt musste sie mit der fünften Klasse beginnen und sehr viel lernen. Da sie aber sehr fleißig und intelligent ist, schaffte sie sowohl das Abitur als auch das darauf folgende Psychologiestudium. Somit war sie das erste „Kind“ von „Concordia“, das erfolgreich ein Studium abschloss. Heute lebt sie in einer eigenen Wohnung und arbeitet mit „Straßenkindern“: „Ich habe den Vorteil, dass ich nicht nur die Theorie kenne, sondern auch die Praxis. Ich habe so viel erlebt. Mein Traum ist es, eine Familie zu haben und meinen Kindern zu schenken, was ich nicht gehabt habe. Glücklich will ich werden, nicht reich. Mir geht es gut, wenn ich etwas für andere tun kann.“

René Decker
(Projektseminar „Alternative Wohnprojekte“, WiSe 2008/09)

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